Meditationen zu Small is Beautiful

Ein Essay des verantwortlichen Redakteurs von TachelesRegional
|  9. April 2021 

Meditationen zu Small is Beautiful

Von Richard (Richie)Pestemer

かたつぶり そろそろ登れ 富士の山* *一茶小林 

Kleines Schnecklein, Du Besteige ganz langsam, den Fuji-Berg !

ISSA KOBAYASI (1763 - 1827)

Der Literatur-Nobelpreisträger Gunter Grass (1927 - 2015), Friedensaktivist und demokratischer Sozialist, prägte einmal den Spruch: „Der Fortschritt ist eine Schnecke.“ Vielleicht kannte er, als Liebhaber von Weltliteratur, das als Eingangsmotto angeführte berühmte Haiku von Issa Kobayashi. Wie auch immer enthält das Schnecken-Haiku eine auf den ersten Blick paradoxe Aussage: Fortschritt als Schnecke. Das ist doch widersinnig, wo wir doch augenscheinlich erleben und erfahren, dass Fortschritt doch stets progressiv, ja revolutionär, eruptiv und dynamisch zu sein verspricht.

So dachten wir ja auch beim Arabischen Frühling, bei den großen Bewegungen gegen die konzerngesteuerte Globalisierung, bei den weltumspannenden Klimaschutzbewegungen. Und immer wieder erfolgten heftige Backlashs: der radikaldemokratische arabische Frühling wurde von reaktionären Regimes mit Duldung der Großmächte, der Industriemächte in Blut erstickt. Die Konzerne wachsen trotz heftiger Gegenbewegungen durch die Digitalisierung – und dies gerade in der Corona-Pandemie - noch ungehemmter. Ja ,und in den USA, versuchte 4 Jahre lang TRUMP mit aller Macht sämtliche Klimaschutz- und Umweltschutzmaßnahmen zu zerstören, um hemmungslos die Nutzung fossiler Energieträger voranzutreiben.

Diesen selbstmörderischen Kurs verspricht sein Amtsnachfolger BIDEN zu durchbrechen. Aber gleichwohl BIDEN in die internationalen Klimaschutzabkommen zurückgekehrt ist und mit großer Power die nicht fossile Energiwende durch erneuerbare Energien betreibt, kann dies nicht darüber hinwegtäuschen, dass auch für BIDEN gilt „America First!“ Das bedeutet konkret für Okinawa und die Präsenz der dortigen US-Militärs, aber auch für Europa und Welt, dass diese nach wie vor wegen der erhöhten Spannungen zu der VR China und Russland weiterhin „modernisiert“ und ausgebaut werden. Und die Situation in der Ukrainie , Mynmar usw. wird zudem diesen Kurs vorerst bestätigen.

Dennoch, trotz aller Rückschläge, die unscheinbare kleine Schnecke, sie schreitet unbeirrt voran, um den Gipfel von Mount Fuji doch noch zu erreichen.

Tief beindruckt von der ISSA-Schnecke, blicke ich nunmehr als 75 -Jähriger zurück auf ein Leben voller Rückschläge als ein „linksradikaler“ Taoist. Mit der letztendlichen Erkenntnis des „Small is beautiful“. Was meint aber „Small is beautiful“? Darüber habe ich dann aufgrund konkreter Erfahrungen meines aktiven Lebens von über 30 Jahren in dem kleinen Dorf Neunkirchen im Hunsrück(ca. 160 Einwohner/30 km von der Geburtsstadt von Karl Marx/Trier entfernt ) eingehend meditiert. Die Grundlage für diese Meditation fand ich bezeichnenderweise anhand der Lektüre des 80.Spruch des Laotse (Lebensdaten) im Tao Te King:

Ein Land mag klein sein

und seine Bewohner wenig.

Geräte, die der Menschen Kraft vervielfältigen, lasse man nicht gebrauchen.

Man lasse das Volk den Tod wichtig nehmen und nicht in die Ferne reisen. Ob auch Schiffe und Wagen vorhanden wären, sei niemand, der darin fahre.

Ob auch Panzer und Wagen da wären, sei niemand, der sie entfalte

Man lasse das Volk wieder Stricke knoten und sie gebrauchen statt der Schrift.

Mach süß sein Speise

und schön seine Kleidung,

friedlich seine Wohnung

und fröhlich seine Sitten.

Nachbarländer mögen in Sehweite liegen, daß man den Ruf der Hähne und Hunde

gegenseitig hören kann:

und doch sollen die Leute im höchsten Alter sterben,

ohne hin und her gereist zu sein.

(Übersetzung von Richard Wilhem/ DIEDERICHS GELBE REIHE/ 1978/ S.123)

 

Dieser Spruch inspirierte mich zu nachfolgender Meditation sowie für meine Tätigkeiten als Bürgermeister (2004 - 2019):

 

Heute morgen geht es rund um das lange Feld: 12 ha viel mehr hat es nicht

Es könnte reichen für alle im Dorf: mehr braucht es nicht

Über das lange Feld hinweg, frisch ausgesät von modernsten Agrarmaschinen einesGroßbetriebes,

seh ich den Gemeindewald: Biomasse, Energie gebündelt: mehr braucht es nicht

Frisch die Morgenluft, umrunde ich das lange Feld: drüben die letzte Ruhestatt: nah

Über mir, lärmend ein Flugzeug: ungestilltes Fernweh

Blutöl in unseren Adern aus verwüsteten Regionen geraubt: Schlachtenmelodien

Hochgezüchtete Informationen jagen um den Erdball: Kampf der Kulturen!

Hier ist alles in Überflusse da, wenn wir nur bescheidener blieben

Die Speisen der vier hiesigen Jahreszeiten uns munden ließen

In selbstgewebten bunten Kleidungen

In offenen, hellen Häusern Ein Schwätzchen mit den Nachbarn halten, feste Feste feiern

Da drüben und weiter in der Ferne lebt es sich ebenfalls prächtig So haben wir´s gehört

Jahr um Jahr in sich ruhend altern

Ein uralter Traum?

Kaum wieder im heutigen "Zuhause" angelangt: Nachrichten gehört:

Ein Land mag groß sein und seine Bewohner viele:Wie soll es in Frieden leben

Mit anderen? Wie derart Toleranz begreifen?

 

Meine Betrachtungen erfolgten unter dem Eindruck der aggressiven Kriege der von den USA angeführten Allianz gegen den Irakkrieg (2003 - 2011). Und in der Nähe unseres kleines Dorfes, knapp 10 Kilometer entfernt – in Morbach - befand sich das größte US-Munitionslager in Europa. Von dort aus wurden riesige Mengen todbringender Fracht in den Irak geflogen und eingesetzt. Darüber hinaus wurde von den US-Kriegsflughafen in Spangdahlem sowie Ramstein aus ebenso aktive Einsätze im Irak und später Afghanistan durchgeführt.

Wie aber kann diese uralte Utopie nicht bloß ein Traum, bleiben, wie kann sie Wirklichkeit werden?

  • 2015 habe ich in einem Essay mit dem Thema „Stadtflucht als Politisches Statement“ (veröffentlicht im Rundbrief 4/2015 des FORUM UMWELT & ENTWICKLUNG/Berlin) veröffentlicht.  
  • Nachfolgend aktualisiert die Kernaussagen aus diesem Essay:
  • Vor 33 Jahren verließ ich die Millionenstadt Köln (Westdeutschland) und zog in das kleine Hunsrückdorf Neunkirchen (160 EW/Südwestdeutschland) 35 km von Trier, wo Karl Marx geboren wurde
  • Ich fühle mich ein wenig als „Aussteiger“ genährt von der Utopie der weitgehenden dörflichen Selbstversorgung
  • Doch dann machte ich die Feststellung, dass es eigentliche keine Dörfer mit Bauern, Dörfläden und Dorfkneipen mehr geht. Mit der fortschreitenden konzerngesteuerten Globalisierung hieß die Devise für die Bauern „Wachse oder Weiche!“ In diesem weltweiten Vernichtungskampf gegen die dörfliche Selbstversorgung haben es heute in Deutschland selbst Großbauern mit 100 ha oder 100 Milchkühen es schwer zu überleben
  • Die meisten Bewohner in Neunkirchen pendeln täglich lange Wege zu ihrer Arbeit in Trier, Frankfurt, Saarbrücken oder Luxemburg usw.
  • Die Nahrungsmittelversorgung erfolgt zu großen Teilen über den Weltmarkt in den Supermärkten
  • Ebenso verhält es sich mit der Energieversorgung: Bis in die 60iger Jahre wurde mit Brennholz aus den gemeindeeigenen Wäldern die Häuser im Dorf beheizt
  • Genau betrachtet gibt es nicht mehr die klare Unterscheidung von Stadt und Land: Die Einebnung von Stadt und Land zu Megametropolen ist ein scheinbar unaufhaltsamer Prozess
  • ABER drei Leitsprüche haben in den letzten Jahrzehnten eine fundamentale Kehrwende eingeleitet, dies bewusst oder „nur“ gefühlt im Sinne des 80.Spruchs im Tao Te King von Laotse:

1. Eine Andere Welt ist Möglich

2. Small is beautiful: Die Wiederaneignung der Urproduktion

3. Der Fortschritt ist eine Schnecke

1. Eine andere Welt ist möglich:

Nach dem Ende des Kalten Krieges, symbolisiert durch den Fall der Mauer in Berlin im Jahre 1990, erklärte Francis Fukuyama(US-Amerikaner japanischer Herkunft) in einem weltweit beachteteN Bestseller, dass die Geschichte ihr Ende mit dem Sieg des liberalen Kapitalismus über den Sozialismus gefunden habe. Dies war der Beginn des bis heute anhaltenden Triumpfzuges des Neoliberalismus und der parlamentarischen Demokratie westlichen Typs.

Allerdings bildeten sich gegenüber diesem Totalitätsanspruch globale Gegenbewegungen vor allem während der größen Finanzkrise. Die fortschreitende Umwelt- und Klimazerstörung, der Supergau in Fukushima, die ständigen kriegerischen Konflikte im Kampf gegen den islamistischen Terrorismus usw. weckten den heißen Wunsch trotz der vernichtenden Niederlage des Sozialismus nach Alternativen, die ihren Ausdruck fanden im Slogan „ Eine andere Welt ist möglich“. Wobei es ziemlich vage bleibt, wie dies denn möglich sein könnte.

2. Small is beautiful: Die Wiederaneignung der Urproduktion:

Urproduktion meint ganz allgemein: Die Verfügung über die Nah- rungsmittelproduktion und die Energieversorgung. Die besteht in den Dörfern nur noch sehr eingeschänkt. Ebenso wenig verwalten sich in der Regel die Dörfer kaum noch selber, sondern werden immer noch in gößere städtische Verwaltungseinheiten eingemeindet. Ein weltweiter Prozess. In dem südwestdeutschen Bundesland Rheinland-Pfalz (RLP) hingegen gibt es noch zahlreiche kleine Dörfer( 2263) die sich selber verwalten, einen Gemeinderat haben, sowie einen Gemeinderat. Sie haben Planungsrecht, einen eigenen Haushalt, eigenen gemeindliche Agrarflächen sowie Gemeindewälder.

Die gemeindeeigenen Flächen nennt sich – ein fast schon vergessener Begriff „Allmende: Das, was allen gehört. Und in RLP gehört statisch jedem 2100 qm Wald. Die kleine Gemeinde Neunkirchen z.B. verfügt über 160 ha eigenen Wald. Sie hat eine eigenen Forstrevierförsterin mit einer Teilzeitarbeitsstelle eingestellt.

Ziel ist es einen klimastabilen Mischwald einzurichten anstatt einen Wald nur zur schnellen Holzproduktion.

Die Jagd im gemeindeeigenen Wald wird mit einem Jagdteam organisiert. Im späten Herbst kann Bio-Wildfleisch in der der gemeindeeigenen Wildkammer gekauft werde.

Die Dorfbewohner können sich zu günstigen Preisen Brennholz besorgen. Auf zahlreichen Dächern und auf dem Dach des Gemeindehauses gibt es Photovoltaik- (Stromerzeugung) und Solaranlagen (Warmwassererzeugung) Der Strom in den Strassenlaternen ist kein Atomstrom sondern Ökostrom. Die gemeindlichen Agrarflächen (ca. 15 ha) dürfen laut eines Ratsbeschlusses von 2015 nur noch ökologisch bewirtschaftet werden.

Die ersten Schneckenschritte zur Wiederaneignung der Urproduktion sind gegen große Widerstände der etablierten Politik erfolgreich eingeleitet worden. Kurzum und konkret: Eine andere Welt ist möglich!

3. Der Fortschritt ist eine Schnecke:

Es gibt überall in Deutschland, überall auf der Welt, solche Beispiele der Wiederaneignung der Urproduktion oder der Verteidigung derselben. Urban Agriculture, also Land- und Gartenbau erlebt in Zeiten der Pandemie in Deutschland einen großen Zuspruch als urbane „Solidarische Landwirtschaft“. Solche Projekte gibt es weltweit, auch in Japan. Diese Bewegungen verschaffen sich zunehmend Gehör in der der Kommunalpolitik. Sie sind indes nicht parteipolitisch zuzuordnen.

Aber auch in den Ländern außerhalb der großen Industrienationen verbreitet sich die Wiederaneignung der Urproduktion, so z.B. in der kurdischen Autonomiebeweguung in Rojava/Nordsyrien.

Diese Bewegungen sind der praktische Ausdruck von Global Denken und Lokal Handeln.

Small is beautiful und der Fortschritt ist eine Schnecke.

Jenseits von allem parteiischen Streitereien wächst die Zeit heran, wo wir jetzt schon beobachten können, wie sich innerhalb der kapitalistisch-zentralistischen Megastrukturen an der Graswurzel viele kleine „unbhängige Republiken“ - unscheinbar noch - enstehen. Und miteinander alle nationalen, religiösen und kulturellen Grenzen somit selbstge-nügsam überwinden. High-Tec in Kombination mit lokaler/regionaler Selbstversorgung bis in die großen Metropolen hinein, um derart Stadt und Land harmonisch ergänzend zu verschmelzen, dies verbindet in sich Vergangenheit und Zukunft im Hier und Heute:

Small is beautiful und der Fortschritt ist eine Schnecke

Abschließen möchte ich diese zugegebener Maßen unsystematischen Betrachtungen mit einem Zitat des berühmtesten deutschen Kinderbuchautors Erich Kästner (Lebensdaten) :

„Es gibt nichts Gutes, außer man tut es!"

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