Rezension zu "Dornenfelder" von Hamid Reza Yousefi

Ein Iraner in Deutschland? Das verspricht Sensationen, Ecken und Kanten, an denen wir unsere Urteile und Vorurteile wetzen können.
| 30. Oktober 2011 
Aber dieses Menü bekommt der Leser nicht serviert. Weder werden Vorurteile gegenüber der islamischen Lebensart bestätigt noch andere Sensationserwartungen erfüllt. Es eröffnet sich eine spannende, lesenswerte Reise durch ein Menschenschicksal, das eigentlich nur zufällig ein Migrantenschicksal wurde. Hamid Reza Yousefi schildert in seiner autobiographischen Skizze "Dornenfelder" mit aufrichtigen Worten sein persönliches Lebensschicksal, das recht ungewöhnlich ist, wie es scheint - aber nicht erst am Ende erkennt der Leser: Jeder muss durch diese Dornenfelder des Lebens, sie zu überwinden heißt, das Leben selbst zu meistern.

Besonders beeindruckt hat mich die Grundeinstellung des Autors in dem Ausspruch: "Schließlich ist kein Nachteil so groß, dass sich hieraus nicht auch ein Vorteil ergäbe." Darin kommt die ganze Philosophie des Autors zum Ausdruck. Dem Leben gegenüber ist er positiv eingestellt, nimmt das eigene Erleben wahr als einen schicksalhaften Verlauf, der trotz aller negativen Erfahrungen durch positive Wendungen gelenkt wird.

Der Autor beschreibt mit seiner Lebensschilderung eigentlich das Dasein eines Jeden: Wer hat nicht schon einmal ähnliche Hindernisse und Vorurteile in seinem persönlichen Leben überwinden müssen? Sind Toleranz und Dialogfähigkeit nicht das Gebot für jeden Einzelnen von uns? Werden wir nicht dadurch erst zu wahren "menschlichen" Menschen?

Seine Philosophie, die Yousefi an den Universitäten Koblenz und Kaiserslautern lehrt und in seinem Trierer Institut zur Förderung der Interkulturalität umsetzt, die Philosophie der Toleranz und des kritischen Dialoges zwischen den Kulturen und zwischen einzelnen Menschen, und die er in seinem täglichen Leben verwirklicht, ist eine Idee und ein Traum, eigentlich schon so alt wie die Menschheit selbst. Wann werden die Menschen diese Philosophie endlich verinnerlichen?

Nach der Lektüre dieser autobiografischen Skizze wird dem Leser zudem klar, wie mangelhaft seine Kenntnisse von anderen Völkern und Kulturen eigentlich sind, insbesondere von der persischen, respektive iranischen Kultur. Wird unsere Sichtweise nicht alltäglich durch die Medien manipuliert? Wem ist schon bewusst, dass nur etwa 1 Prozent aller täglichen Nachrichten von der Tagespresse selektiert und veröffentlicht werden?

"Dornenfelder" rückt uns ins Bewusstsein, dass eine Förderung des kritischen Dialogs und eine Erweiterung der gegenseitigen Kenntnisse von Kulturen, eine wahrhaftige Völkerverständigung, für den Weltfrieden unabdingbar ist. Dazu gehört vor allem auch eine im wahren Sinne unabhängige und überparteiliche Medienpräsenz.

Ich habe Hamid Reza Yousefi kennen und schätzen gelernt: nicht als Iraner, nicht als eingebürgerten Deutschen, sondern als seelenverwandten Freund, als kosmopolitischen Weltbürger, der - ohne sein eigenes kulturelles Erbe zu leugnen - offen ist für alle Facetten der Kulturen und des Lebens, als einen liebenswerten Menschen mit Visionen, Sehnsüchten und Wünschen, die wir alle in uns tragen: dem Wunsch nach Frieden, Verständigung, Toleranz und Gerechtigkeit und letztendlich nach dem persönlichen Lebensglück, das ohne alle diese Prämissen nicht von Dauer sein kann. Auf den Punkt bringt er seine Weltphilosophie mit der Maxime eines iranischen Philosophen der Neuzeit: "Nicht östlich - nicht westlich - menschlich!"

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