Buchbesprechung: Christophe Kontanyi

Hersg. Magda van Suntum & Alex Roch
|  2. Dezember 2020 
| Christophe Kontanyi: Hundert Driften 

DIE HOHE KUNST DES "PHILOSOPHISCHEN DRIFTENS"

Außer Atem bin ich geraten bei der Lektüre der dreisprachigen “Cent dérives / A Hundred Drifts/Hundert Driften” (gegenstalt Verlag, Berlin 2020)  von Christophe Kotanyi.

Driften, das erinnert mich spontan an den Actionfilm “The Fast and the Furious: Tokyo Drift” (2006), halt an Autorennen in extrem beengten Räumen – in Tokyo in einem mehrstöckigen Parkhaus – , wo die tollkühnen Driver durch fast synchrones Schalten, Bremsen und Gasgeben durch die Parkhauskurven  hindurchdriften, wobei beständig das Autoheck komplett auszubrechen droht, jedoch stets wieder quietschend  in der Spur bleibt, haarscharf an den Betonwänden vorbei. Doch nur so können die Driver die engen Kurven meistern, alles im höchstmöglichen Tempo, Driften halt mit vollen Risiko.  

Ja, genauso erging es mir bei der atemraubenden Lektüre der “Hundert Driften” , in denen Christophe Kotanyi als Sohn von Attila Kotanyi, seinerseits ein Gefährte der spirituellen Mentoren der “Budapester Dialogischen Schule”  Lajos Szabó (1902 . 1967) und Béla Tábor (1907 – 1992), das “Ab-Driften”  - insbesondere von Lajos Szabó - von der entspiritualisierten aufgeklärten Moderne als ein waghalsiges, höchst riskantes, kompromissloses, beständiges Suchen nach dem “Größtdenkbarem”, ausgehend von der “Logik des Glaubens”, in all den riskanten Driften nachzeichnet.  

Die “Budapester Dialogische Schule” – nicht zu verwechseln mit der “Budapester  Schule” gruppiert um den marxistischen Philosophen Georg Lukács – “birgt in sich eine geistige Gemeinschaft, die mehr als 50 Jahre lang unter illegalen Umständen gewirkt hat. Ihre Mitglieder vertreten den Vorrang des Geistes, verwerfen allen Institutionalismus. Sie durften weder unter dem nationalsozialistischen noch unter dem bolschewistischen Regime publizieren.” (Siehe bitte im Detail die Website “Die Budapester Dialogische Schule”.) Gewagt wurde im Geiste von Hannah Arendt “das Denken ohne Geländer”. Denn “die Wahrheit ist kein gegenständliches, sondern ein persönliches, dialogisches Verhältnis.” Es werden grundlegend mit allen Risiken des Driftens “die ewigen Grundfragen und –antworten  im sprachlich-gedanklichen Umfeld neu gedacht.” (ditto)  Und die rasante Entfaltung dieses neuen Denken „zu den Fragen, die in der Bibel, von Plotin, der spekulativen Gnosis und Mystik, der klassischen deutschen Philosophie, Kierkegaard und den dialogischen Denkern aufgeworfen wurden” (ditto). Durch diese neue Denken driften wir als Leser, im Beifahrersitz des Autors, wie in einem Zeitraffer hindurch.  

Christophe Kotanyi gelingt es, den Leser zu einem Hochseiltanz des spekulativen Denkens, der Logik des Denkens, wie es wohl Lajos Szabo im Sinn hatte, zu verführen. In dem Kapitel “Das Größtdenkbare” (Hundert Driften, S. 165 – 166) resümiert der Autor: ”Jedes Denken, und das heißt ja logisches Denken, setzt ein besonderes Als-ob voraus. Das zu vergessen führt notgedrungen in den Abgrund.” So mutmaßte daher der Sohn: “Das könnte der Grund sein, warum Attila Kotanyi die Mengenlehre den Mythos der Moderne nennt, genau in Béla Tábors Sinn, für den der Mythos das Denken ist, das dazu neigt, seinen Ursprung zu vergessen. Der vergessene Ursprung wäre in diesem Falle der ontologische Beweis des Anselm von Canterbury, bei dem vom Größtdenkbaren die Rede ist, das notwendig existieren muss, zugleich als das Größte und als denkbar, als das größte Als-ob, die Voraussetzung jeden Denkens. Dieses in den Vordergrund zu stellen könnten wir Glauben nennen, als Voraussetzung jeglichen Denkens und jeder Logik: keineswegs ein blinder Glaube, sondern ein Glaube, der als diese Voraussetzung genau erkannt ist.” (ditto)  

Und in dem letzten Kapitel “Versteckte Axiome” (Hundert Driften, S. 166 – 167) wird von Christophe Kotanyi, trotz der nicht enden wollenden “Hundert Driften”, abgeklärt, ja lakonisch fast, nüchtern festgestellt: “Das Unendliche gehört jedoch zu den Fragen, deren Denken, eine gewisse – und sei es nur minimale – Dosis Rausch voraussetzt. Und da die Moderne ohne das Unendliche nicht auskommt ... wird sie ganz andere Rauschmittel entwickeln müssen, stärker als je zuvor. Das Unendliche Denken führt nämlich unvermeidlich in die schwindelerregenden Wirbel des Als-ob, die einander in die unermesslichen Weiten fortjagen.”  

Diesen schwindelerregenden Wirbel des Als-ob präsentiert uns der Autor bei einem abschließendem Super-Drift als Parodie, die da heißt “Der letzte Tokomaner – Parodie in 4 Akten”. Den Stoff für dieses groteske, tragikomische doch zutiefst erschütternde An-Schau-ungs-Spiel liefert die Saga vom Lederstrumpf und dem letzten Mohikaner. Es prallen vordergründig aufeinander die ungezähmte Wildnis und die zivilisierte aufgeklärte Moderne. In diesem vorgeblichen “Clash der Kulturen” wird von Ludwig Schneider, Philosoph alias Tokochgook, Häuptling der Tokomaner (In der Lederstrumpf Saga Chingachgook), in seiner Person die Wildnis & die Moderne un-möglich vereint. Angesichts der spannungsgeladenen, auch tödlich endenden Auseinandersetzungen, angelehnt an die Lederstrumpf Saga, zwischen den Wilden und Zivilisierten, verkündet der weise Philosoph Ludwig Schneider alias Tokochgook als der letzte Tokomaner, auf dem Höhepunkt der Parodie, wo Wildnis und Moderne sich scheinbar unauflösbar ineinander verkeilt haben, mit erlösenden Worten: “Ja! Und die Sprache war bei Manitu. Und am Anfang war die Sprache. Und unsere Ahnen, großer Geist Hamann (Johann Georg Hamann, Philosoph, 27.08.1730 – 21.06.1788: „Eine höhere Einheit könnte nicht durch den trennenden Verstand erfasst werden“ / Wikipedia) und großer Geist Rosenzweig, (Historiker + Philosoph, 25.12.1866 – 10.12.1929: Weggefährte von Martin Buber, Bahnbrecher des jüdisch-christlichen Dialogs) lehren uns: “ Sprache ist Offenbarung selbst. Und ich sage Euch noch, die Sprache ist der Urmythos, die Quelle aller Mythen.”  

Mitgeschleppt hatte Christophe Kotanyi die urmythische Saga vom Lederstrumpf und dem letzten Mohikaner als Kind auf der Flucht seiner Familie nach Jugoslawien, 1956 erzwungen durch die Niederschlagung des ungarischen Selbstbestimmungsaufstandes durch sowjetische Truppen. Jugoslawien war das einzig verbliebene Schlupfloch, in der Zeit des kalten Krieges, strikt ideologisch aufgeteilt, je nach Sichtweise, in die Welt der Guten und die der Bösen. Den Urmythos, verewigt in der Saga des Lederstrumpfes, vor seiner endgültigen Auslöschung zu bewahren, dies in die Parodie des „letzten Tokomaners”.  

Transzendiert wird indes dieser Urmythos jenseits der Sprache in den “Hundert Driften” durch vielfältig eingestreute abstrakten Kalligraphien von Lajos Szabó, als Ruhepunkte während der atemberaubenden Driften-Lektüre. Denn im Nachlass von Lajos Szabó (Aufzeichnungen, 1947 – 1948, Im Internet verfügbar) wird festgestellt:”Das Zeichen weist auf die Lösung, auf das Ganze, auf das Seiende, auf den Sinn hin.”

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