Dritte Auflage des Trierer Statt­Führers erschienen

|  7. August 2005 
Weitgehend unbekannte Kapitel der Trierer Nazi-Geschichte schlugen die Autoren des in dritter Auflage erschie­ne­nen und erweiterterten „Statt­Führers“ während der Buchvorstel­lung in der Tuchfabrik auf – 80 Zuhöre­rInnen verfolgten die Kurzvort­räge mit großem Interesse.

Nachdem Roland Dahm historische Fotos aus dem Buch gezeigt und das einleitende Kapitel - einen Stadtrundgang zu Stätten der NS-Zeit - präsentiert hatte, widmete sich Thomas Zuche dem Thema nationalsozialistische "Rassenhygiene" in Trier.

Im Vordergrund stand das "Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses", das schon am 1. Januar 1934 in Kraft trat und die gesetzliche Grundlage für Zwangssterilisationen bot. Als "Erbkrankheiten " galten neben Schizophrenie und Epilepsie auch erbliche Blindheit und Taubheit. Der Weg zur Zwangssterilisation, die für viele Menschen mit schwerem, lebenslangem Leid verbunden war, führte über einen Antrag beim Kreisarzt Trier-Stadt in der Bollwerkstraße  zu einem Verfahren vor dem "Erbgesundheitsgericht" am Justizplatz  und endete in den meisten Fällen mit der "Unfruchtbarmachung" im Evangelischen Elisabeth-Krankenhaus in der Engelstraße. Zwischen 1934 und 1944 beschloss das "Erbgesundheitsgericht" Trier in nicht weniger als 2220 Fällen die Sterilisation.

Offenen Widerstand gegen das Gesetz gab es kaum, da Randgruppen betroffen waren, für die sich die übrige Bevölkerung kaum interessierte. Nur die katholische Kirche lehnte Gesetz und Praxis prinzipiell ab und reagierte auch in Trier mit einer "Mischung aus Kooperation und Sabotage".

Im zweiten Teil des Abends, der von AGF-Vorstandsmitglied Stefan Weinert moderiert wurde, standen Lebenswege von Tätern aus der NS-Zeit im Vordergrund. Claudia Bruns vom Arbeitskreis "Trier in der NS-Zeit" las aus dem Porträt von Dr. Hans Globke, der später Staatssekretär und Leiter des Kanzleramts unter Adenauer wurde. Globke hatte 1936 einen Kommentar zu den berüchtigten Nürnberger Rassegesetzen mitverfasst und war dennoch 1949 von der Trierer CDU als Kandidat für das Amt des Oberbürgermeisters nominiert worden. Die Kandidatur scheiterte am Widerstand der SPD.

Dr. Thomas Schnitzler erinnerte an Klaus Barbie, den "Schlächter von Lyon", der "Zögling" des Bischöflichen Konvikts und Schüler am Friedrich-Wilhelm-Gymnasium war - eine Tatsache, die die humanistische Trierer Schule bislang kommentarlos überging.

Völlig unbekannt war in Trier Wolfgang Reinholz, den Christoph Zuche porträtierte. Reinholz war Referatsleiter in der Berliner Mordzentrale von Gestapo und SS- Geheimdienst, dem Reichssicherheitshauptamt. Im Sinne der von den Nationalsozialisten geforderten "kämpfenden Verwaltung", wurde Reinholz auch in der Einsatzgruppe D in der besetzten Sowjetunion aktiv, der 91.000 Menschen zum Opfer fielen. Nach dem Krieg lies er sich in Trier nieder, fand eine Anstellung beim Lastenausgleichsamt, wechselte in die Landesjustizverwaltung  und beendete seine Karriere als Vorsitzender Richter der Trierer Kammer des Verwaltungsgerichtes Koblenz. 

Einen Täter, der bereute, stellte Thomas Zuche am Schluss des Abends vor: Paul Wipper, ehemals NSDAP-Kreisleiter für den Bereich Trier-Land-West. Anhand von beeindruckenden Fotos, die Zuche von der Familie Wippers zur Verfügung gestellt wurden, zeichnete er das Bild eines Mannes, der als glühender Nationalist und Sozialist in der "Hitlerbewegung" aufstieg. Nach Krieg und Inhaftierung kehrte Wipper als einziger der früheren Nazi-Größen nach Trier zurück. Er schäme sich der NS-Verbrechen, schrieb er 1948 in seinem Tagebuch. Als die Bundesrepublik wiederbewaffnet wurde, wurde Wipper wieder politisch aktiv und engagierte sich später gegen Aufrüstung und Verharmlosung der Nazi-Diktatur in der Arbeitsgemeinschaft Frieden.

Die 3. überarbeitete und erweiterte Auflage des Buches "StattFührer - Trier in der NS-Zeit" ist im Paulinus-Verlag erschienen und im Buchhandel erhältlich.

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